Carl-Schüller-Straße Ecke Karl-Marx-Straße Kunst im Kaufhaus Knopf, Bayreuth

Lautes Hämmern und der Geruch von Lösungsmitteln durchdringt die um das zentrale
Treppenhaus angeordneten Erdgeschossräume des ehemaligen Kaufhauses Knopf -
Bayreuths führendem Fachgeschäft in Sachen Trauerbekleidung. Die seit knapp
einem Jahr verwaisten Vitrinen und Schaufenster des Eckhauses mit der zumindest
in Nordrhein-Westfalen eher ungewöhnlichen Hausnummer 20 ½ bilden einen Monat
lang, teilweise sehr zurückhaltend bespielt, einen Kontrapunkt zu den leeren wie
zu den ehemals mit Textilien gefüllten Schauflächen. Roland Schön etwa, einer
der drei Gründer der Silixen AG, dessen großformatige "Landschafts"-Gemälde in
der zweiten Etage des aufgelassenen Kaufhauses die Auseinandersetzung mit
Teppich und Tapeten der 70er Jahre bravourös bestehen, obwohl - oder gerade weil
- sie so leise daherkommen, füllte den Boden der unter der Arkade an der
Hauswand gelegenen Vitrine mit den zu krümelartigen Strukturen
zusammengebackenen Resten abgekratzter/abgeschabter Farbe seiner Bilder. Eine
Installation, die keineswegs auf den ersten Blick ins Auge fällt, die aber,
erstmal entdeckt, geradewegs zu den Bildern im Obergeschoss und deren extremen
Varianten im Erdgeschoss führt.
Die beinahe ebenso zurückhaltende Installation eines Kirmes-üblichen, mit
farbigem Popcorn undefinierbaren Alters gefüllten Schornsteinfegers aus
transparentem Kunststoff mit schwarzen Schuhen und schwarzem Zylinder von Reiner
Zitta wirkt in seiner Vitrine ein wenig übrig geblieben und erfreut den
unvoreingenommenen Betrachter durch wohl ungewollte, den hohen Temperaturen des
Bayreuther Sommers geschuldete Kunststücke. Die Skispringertaugliche Schräglage
der ersten Woche mündet zumindest zeitweise im Filmstill eines Kopfsprunges auf
dem in Veilchenblau ausgeschlagenen Vitrinenboden, die Leiter fest unter den Arm
geklemmt.
Weitere Arbeiten Zittas - ein wenig kindertaugliches Reitschaf, ein aus
Fundstücken gezimmertes Modellflugzeug auf einem wunderbar groben Holztisch, ein
Einrad-fahrender Zirkusbär aus Heu oder Holzwolle und eine Reihe weiterer,
beinahe fetischartiger Objekte treffen in diesen Vitrinen auf die Zeichnungen
und Vasen Osmar Ostens, die sich in ihrer Reduziertheit kaum deutlicher
unterscheiden könnten. Diese wiederum befinden sich in unmittelbarer
Nachbarschaft zu der Videoinstallation Christoph Zangerles mit dem Titel
"WASWÜNSCHENSIESICHFÜRBAYREUTH?"
Der gebürtige Österreicher Christoph Zangerle lebt in Berlin und reiste eigens
an, um eine ortsbezogene Arbeit zu produzieren, die, jenseits allen durchaus
ernstzunehmendem Engagements Bayreuther Freiwilliger, in ihrer mitunter
ungewollten Komik entlarvende Wirkung zeigt.
Spätestens hier scheinen die Szeemann-Zitate "Wichtig ist, dass ich mich selbst
überrasche, und das ergibt sich, wenn zwei Dinge nebeneinander stehen, die zwar
nicht viel miteinander zu tun haben, woraus sich aber eine Geschichte ergeben
kann." und "Das Ganze versteht sich ja als ein Spaziergang von einer
Überraschung zur nächsten." angebracht, die sich an der Tür zum Raum des zweiten
Mitbegründers der Silixen AG, Achim Eichholz, finden.
Eichholz verwandelte einen kleinen, etwas abgelegenen Raum im Erdgeschoss in
einen atmosphärisch dichten Andachts- oder Ruheraum, in dem die dort
versammelten Dinge leise wispernd (ihre) Geschichten erzählen. So bescheiden wie
beziehungsreich wie das Wörtchen Euphrasia. die botanische Bezeichnung des
unscheinbaren Pflänzchens Augentrost, das sich in seiner Arbeit findet, erzählt
Achim von dem Projekt der Silixen AG und führt Besucher durch die sich stetig
wandelnde Ausstellung.
Was für seine Arbeit gilt, gilt natürlich auch für das Projekt als Ganzes:
Dinge, die wenig oder auch nichts miteinander zu tun haben, werden fröhlich
miteinander kombiniert; Berührungsängste gibt es nicht. Manchmal funktioniert
das, manchmal auch nicht. Mitunter treten einzelne Positionen oder Aspekte, so
sie als solche formuliert sind, in ungewohnter Nachbarschaft umso deutlicher
hervor?
Als reagiere sie nicht nur auf die Räume und das leicht bizarre Ambiente des
aufgelassenen Kaufhauses, sondern genau auf diese spezielle, oft sehr disparate
Situation, malt Lucia de Figueiredo neben den Porträts der beteiligten Künstler
(und interessierter Besucher) unscheinbare, beinahe banale Momente - Ansichten
von Exponaten auf Heizungsrohren, vor Treppengeländern oder wüst gemusterten
Teppichböden. Zum Trocknen bewusst an anderer Stelle aufgehängt, verknüpfen sie
nicht nur die Stockwerke, sondern auch die verschiedenen Arbeiten untereinander.
Ihre so virtuose wie konsequente Umsetzung der dreidimensionalen "Wirklichkeit"
in die Fläche verrät wie die Auswahl des jeweiligen Sujets, dass der Schwerpunkt
ihrer Arbeit vor allem im Zusammenspiel von Licht, Form und Farbe zu suchen ist.
Das Netz, das sie spinnt, verwebt darüber hinaus Künstler, Freunde, Gäste, Raum
und Licht zu einer weitgehend wertfreien Kartierung der Situation und damit auch
zu einer Dokumentation wider die Zeit.
Sabine Bechthold und Petra Nöß stellen Kontakte auf eine deutlich weniger
subtile Art her. Nach ihrer Abreise bleibt nicht nur ein zehn Meter breites
Panel mit farbigen Körperdrucken und kleine Erdhäufchen aus Bayreuther Erde, die
kleine Bild/Texttafeln halten und sich, über das Erdgeschoss verteilt, den
Arbeiten der Anderen nicht nur nähern, sondern regelrecht anschmiegen - auch der
"Hirsch" von Annette Hähnlein steht ganz plötzlich über einem Haufen Heu. Primär
jedoch gilt ihr Interesse dem konkreten Kontakt zu den Menschen. Wie Lucia de
Figueiredo nutzen auch der Bildhauer Wolfgang Hahn und der Maler Michael Huth
ihre Beteiligung an dem Projekt als Arbeitsaufenthalt; dieser baut unter Einsatz
von Säge, Hammer und Industriestaubsauger eine "Figur in drei Teilen" aus
Kistensperrholz, die ähnlich wie die mitgebrachte dreiteilige Arbeit "Riff" eine
Vielzahl Kombinationsmöglichkeiten beinhaltet; jener ist für die sporadisch
durch den Raum wabernden Nitrowolken verantwortlich. So geplant und präzise die
Arbeit des Einen, so spontan und zugleich konzentriert wirkt die Arbeit des
Anderen. Die spröden, hier überwiegend auf Schwarz und Weiß beschränkten
Leinwände und übermalten Drucke sind im wahrsten Sinne des Wortes vielschichtig
und verweigern - wie der Maler selbst - eine knappe sprachliche Darstellung.
Peter Kees, dessen "Arcadia Wettbewerb" um die schönsten arkadischen Momente
auf eine rege Beteiligung seitens des Publikums hofft, verspricht als ersten
Preis eine Reise nach Arkadien, als zweiten Preis eine Asylberechtigung und als
dritten Preis ein Visum für diesen elysischen Ort - wer wollte hier nicht den
zweiten Preis mit dem damit verbundenen Versprechen davontragen? Juriert werden
die eingehenden Beiträge von einem illustren Gremium, zu dem auch der dritte
Mitinitiator der Silixen AG, Johann Schuierer, gehört. Drei seiner Arbeiten -
ein Modul einer Schweizer Trafostation, ein Kupferkegel auf einem steinernen
Rundbecken, (der sich als Megaphonähnliches Guckrohr auf blaues Pigment
entpuppt, sobald man die Stufen hinaufsteigt und hindurchzugucken wagt,) und ein
weiteres steinernes, diesmal eckiges Steinbecken auf einem an eine Kathedrale
mit ihren Strebepfeilern erinnernden, hohen Unterbau aus Kupfer - komplettieren
die Ausstellungs- und Arbeitsfläche im Erdgeschoss. Schuierers Arbeiten scheinen
von Energie und ihrem Flusse zu sprechen und spiegeln auf charmante Weise das
Engagement ihres Schöpfers.
Was an Überraschungen für das Erdgeschoss gilt, gilt auch für die beiden darüber
liegenden Stockwerke. Die Nachbarschaft der hängenden Tondi Andreas Tschinkls
und die ausgesprochen knappen, präzisen Foto/Keks-Collagen Philipp Molls, die
rollenden Plüschhocker des Jürgen Zimmermann, die fast dem Interieur des
ehemaligen Kaufhauses zu entstammen scheinen, zwei sehr kleine, ganz
unprätentiöse Arbeiten Silke Fehsenfelds und die eine halbe Wand füllende
Collage aus Bildern unterschiedlichster Sujets und Machart von Jost Schneider
bilden auf den ersten Blick ein Nebeneinander, das erst bei genauerem Hinsehen
zumindest partiell zu einem Miteinander gerät. So spiegelt die kleine Fotoarbeit
Fehsenfelds - die Aufnahme eines Modells (mit einem Stück Haribokonfekt an der
"Wand") erstaunlicherweise(?) die sitzende Plüschrolle Zimmermanns, doch der
swingende Hammerhai Annette Hähnleins korrespondiert maximal farblich mit der
textilen Wandarbeit Karen Hessmerts. Wäre da nicht Michael Huth, der den Anderen
klamm- oder auch weniger heimlich eigene Arbeiten unterjubelt? und eben Lucia
de Figueiredo, die gnadenlos unparteiisch zusammenbringt, was sich ihrem Blick
präsentiert. Und so soll denn auch das herzige Schwanenpaar Hähnleins mit Roland
Schöns Arbeiten korrespondieren - sobald die Temperaturen ein Arbeiten im
zweiten Stock wieder möglich machen.
Ein anderer, interdisziplinärer Aspekt des Projekts der Silixen AG ist die
Beteiligung des studentischen Radiosenders "Schalltwerk" der Universität
Bayreuth, der keineswegs der bislang einzige Radiokontakt ist. Immerhin
interessierte sich bereits der Bayrische Rundfunk für das Kaufhaus Knopf - und
ein Fernsehbeitrag parallel zu den Bayreuther Festspielen ist immerhin in
Aussicht gestellt.
Wer weiß schon, was die Silixen AG noch an Überraschungen bereit hält? Für den
unbeteiligten Betrachter liegt Arkadien vielleicht gleich in der Carl-Schüller-
Straße Ecke Karl-Marx-Straße in Bayreuth?
Ulrike Lua